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Elke Jäger empfiehlt:
Noam Shpancer: »Der gute Psychologe«
Ein guter Psychologe, sagt der Psychologe, hält Distanz. Nur Distanz erlaubt den genauen und klaren Blick. Nicht zu Hilfe eilen, sich nicht verstricken lassen, zuhören, verstehen, erkennen. Geistige Gesundheit, das vermittelt er seinen Studenten, - wenn es denn so etwas wie geistig und so etwas wie Gesundheit überhaupt gibt - ist kein Ziel, sondern ein Prozess. Der Psychologe ist ein guter Psychologe, klug, empathisch, professionell und anständig, dabei distanziert freundlich. Seine neue Klientin ist eine Nachtclubtänzerin mit Bühnenangst. Angst ist sein Spezialgebiet. Und die Gespräche mit ihr wirken nach, greifen in sein Leben, ändern alles, lassen in ihm Gefühle aufbrechen, die er mit Vernunft erstickt hat. Ein Roman über Psychotherapie, fast eine Vorlesung, eine Liebesgeschichte, voll kluger Gedanken, heiter, melancholisch, nachdenklich und tröstlich.
Knaus, 19,99 €
Stella Fernandez empfiehlt:
Benedict Wells: »Fast Genial«
Francis ist 18, lebt in einem Trailerpark, seine Zukunft sieht nicht gut aus und er weiss nicht wirklich wer er ist. Er wächst ohne Vater auf und verdient das Geld für seine Mutter und sich. Nach dem Selbstmordversuch seiner Mutter erfährt er in einem Brief die Identität seines Vaters. Ein Genie - er war Teil eines verrückten Experimentes aus dem man geniale Kinder von genialen Vätern hervorbringen wollte. "Die Samenbank der Genis". Mit seinen zwei Freunden Groover, und Anne-May macht Francis sich also auf den Weg durch die USA um seinen Vater das “Genie“ zu finden. Er hofft darauf einen neuen Sinn in seinem Leben zu finden oder einen Anstoss etwas aus sich zu machen.
Eine Reise ins Ungewisse beginnt. Freundschaft und Liebe stehen auf dem Spiel. Allem voran die Frage: Wer bin ich?
Ein unglaublich spannender Roman.
Diogenes, 19,90 €
Lotta Wehnert empfiehlt:
Kjersti A. Skomsvold: »Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich«
Ihr ganzes Leben hat Mathea Martinsen an der Seite ihres geliebten Mannes Epsilon verbracht. Mehr als ihren Epsilon brauchte sie nicht, doch nun ist er tot und Mathea, die nie Kontakte zu anderen Menschen hatte ist ganz allein. Für wen soll sie denn jetzt bloß ihre Ohrenwärmer stricken? Wer macht ihr die Marmeladengläser auf? Und ist es vielleicht der richtige Weg eine Zeitkapsel mit Ohrenwärmern und ihrem Hochzeitskleid im Garten zu vergraben, damit man sich später an sie erinnert? Mathea, die nun so lange unaufällig gelebt hat, dass sie fast unsichtbar geworden ist, versucht nun
sich der Welt wieder in Erinnerng zu rufen.
Matheas Versuche ins Leben zurückzufinden hält die Autorin auf nur 144Seiten fest, und sagt doch kein Wort zu wenig, sondern gewährt einenintensiven Einblick in Matheas einsame verschrobene Seele, der amüsiert undzu Tränen rührt.
Hoffmann und Campe, 14,99 €
Tanja Bagaric empfiehlt:
John von Düffel: »Goethe ruft an«
Das Leben als Schriftseller ist schwer – insbesondere wenn man nicht gerade erfolgreich ist , ein befreundeter Schriftsteller dafür umso mehr. Aus diesem Grund nennt der Ich-Erzähler seinen Kollegen Goethe, denn wie sollte man einen Autor sonst nennen, der pausenlos Erfolge feiert ,viel Geld verdient und dem massenweise schöne Frauen zu Füßen liegen. Ausgerechnet für diesen Autor soll von Düffels Ich-Erzähler als Vertretung ein Leichtschreiben Seminar in einem Hotel im Spreewald führen.
Herrliche Dialoge, Verwirrungen um ein Originalmanuskript und die Erfolgsformel für wahres Schreiben, traumhafte Naturbeschreibungen und das ständige Hin und Her zwischen Tief- und Leichtschreiben, Vertikal- und Flächenliteratur: Ein hoch amüsantes Buch über den Literaturbetrieb.
Von Düffel jedenfalls kann schreiben, auch ohne Formel. Vielleicht war er ja im Spreewald beim Seminar!
Dumont Verlag 19,99 €
Heidi Linnenkohl empfiehlt:
Jose Saramago: »Kain«
»Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte ihrer Uneinigkeit mit Gott, weder versteht er uns, noch verstehen wir ihn«, heißt es in Saramgos Kain, und es könnte das Motto des Buches sein.In seinem letzten Roman schreibt Saramago die Bibel kurzerhand um und lässt den Brudermörder Kain eine ganz eigene Reise durchs Alte Testament antreten. So ist Kain dabei, als Abraham aufgefordert wird, seinen Sohn Isaak zu opfern . Er interpretiert auf seine Weise die Zerstörung von Sodom und Gomorrha, ist fassungslos angesichts der Babel'schen Sprachverwirrung und findet sich am Ende auf der Arche Noah wieder. Saramago lässt seine Figuren mit diesem eifersüchtigen, harten, ungerechten Gott hadern.
Mit Phantasie, Ironie und einem Schuss Boshaftigkeit führt er die göttliche Allmacht ad absurdum.
Hoffmann und Campe, 20,00 €
Gaby Koch empfiehlt:
Stefan Moster: »Lieben sich zwei«
170 m² für 2140,00 Euro kalt! Ines und Daniel leben im spektakulärsten Wohnviertel Hamburgs, der Hafencity. Die Wohnung ist durchgestylt, genau wie ihr Leben. Daniel ist erfolgreicher Städteplaner in einer renommierten Unternehmensberatung. Ines betreibt eine kleine, schicke Weinhandlung. Sie sind glücklich, bis sie plötzlich merken, dass ihnen etwas fehlt: ein Kind. Doch mit dem „Kinderkriegen“ will es einfach nicht klappen. Fortan wird das Leben der beiden von Ines Zyklus bestimmt: Liebe nach Zeitplan, das immer wiederkehrende peinliche Prozedere in der Kinderwunschklinik und ein ewiges Auf und Ab von Hoffnung und Enttäuschung. Die bis dahin glückliche Beziehung gerät ins Wanken.
Stefan Moster erzählt nüchtern und schonungslos und seziert seine Charaktere bis ins Detail. Dadurch bleibt seine Erzählung unterhaltsam und witzig.
Ein toller Gesellschaftsroman, der zeigt, dass eben nicht alles planbar ist und die Freiheit für eigene Entscheidungen auch ihre Grenzen hat.
Maareverlag, 22,00 €
Tina Baczewski empfiehlt:
Rachel Cusks: »Die Bradshaw-Variationen«
Ein Jahr im Leben der Familie Bradshaw - drei Generationen und alle eint eine Frage: Inwiefern beeinflusst der selbst erwählte und eingeschlagene Lebensweg einen selbst und die Familie in Vergangenheit und Gegenwart?
Im Fokus der Geschichte stehen Thomas und seine Frau Tonie, die für ein Jahr ihre Rollen tauschen. Tonie übernimmt eine leitende Stellung an der Universität, während Thomas sich als "Hausmann" um die gemeinsame Tochter Alexa kümmert. Doch dieser Rollentausch fordert seinen Tribut..
Ein Roman, der auf präzise und manchmal fast tragikomische Weise tiefe Einblicke in die menschliche Psyche gewährt. Rachel Cusks außergewöhnliche Sprache und die gewählte Erzählperspektive sorgen dafür, dass man sich beim Lesen nur schwer von den Romanfiguren lösen kann und gespannt ihre Entwicklung verfolgt.
Rowohlt, 19,95 €
Silke Breiding empfiehlt:
Javier Fernández de Castro: »In Erinnerung an einen vorzüglichen Wein«
Santiago Malpas und F.R. sind auf dem Weg zu einer ominösen Berghütte, in der sich ihr Freund, Winzer Modesto Cumba, verschanzt hat. Während die beiden noch rätseln, warum der Dritte im Bunde sie so dringend sehen will, entkorken sie auf der abenteuerlichen Fahrt ins navarrische Bergland bereits die ersten Weinflaschen. Es beginnt bereits zu schneien, als die zwei endlich bei Modesto Cumba eintreffen, und während die Freunde noch in einen heftigen Wortwechsel verwickelt sind, passiert etwas ganz und gar Unerhörtes ...
Sowohl ein Killer, als auch jede Menge Kühe und natürlich ein vorzüglicher Wein spielen dabei eine Rolle. Wunderbar kurzweilig erzählt de Castro eine kleine, ungewöhnliche Geschichte, die einen sofort in eine völlig andere Welt versetzt.
Obwohl ich beim Lesen im Zug saß, meinte ich, um die Ohren den kalten Schneewind zu spüren, in der Nase den Geruch nach Bergkäse und den Geschmack eines vorzüglichen Weins am Gaumen!
Wagenbach, 14,90 €
Michaela Schott empfiehlt:
Angelika Klüssendorf: »Das Mädchen«
»Das Mädchen« ist eine eindringliche Studie über eine verdammt harte Kindheit mitten im DDR- Sozialismus. Schnörkellos und unsentimental wird die Geschichte einer Heranwachsenden erzählt, die niemanden hat, auf den sie sich velassen kann. Ihre Mutter tyrannisiert die Familie, der Vater trinkt und läßt sich nur selten blicken. Nachdem sie mehrfach beim Ladendiebstahl erwischt wird, landet sie schließlich im Heim. Doch das Kinderheim wird für sie überraschenderweise zu einem Ort, an dem sie endlich auch Kind sein darf. A.K. schreibt ohne Pathos , nüchtern und glasklar. Was erschreckt und zugleich in den Bann zieht, sind die eindringlich beschriebenen Grausamkeiten, aber auch der Lebenswille eines Kindes.
Das Buch legen Sie so schnell nicht aus der Hand.
Kiepenheuer und Witsch, 18,99 €
Petra Schäfer empfiehlt:
Fabio Geda: »Im Meer schwimmen Krokodile«
Seit die Taliban in Afghanistan herrschen, ist nichts mehr, wie es war. Auch für den zehnjährigen Enaiat und seine Familie wird der Terror lebensbedrohlich. Seine Mutter entschließt sich, ihn über die Grenze nach Pakistan zu bringen. Drei Verhaltensregeln gibt sie ihm mit auf den Weg, dann lässt sie ihn allein zurück. Er begreift, obwohl kindlich naiv, den Ernst der Lage sofort und sucht sich Arbeit und Unterkunft. Doch es bleibt nichts, wie es ist – sei es, weil es scheinbar besser werden könnte oder alles noch bedrohlicher wird. Eine Odyssee durch viele Länder folgt, den Iran, die Türkei, Griechenland und Italien. Dort erzählt er seine Geschichte dem Journalisten Fabio Geda – und so konnte dieses wunderbare Buch über eine wahre Geschichte entstehen: Manchmal möchte man nicht mehr weiterlesen, so furchtbar sind die Erlebnisse Eianats. Aber sein Mut und sein unbedingter Wille glücklich zu sein – lässt den Leser nicht los – und hallt noch lange nach ...
Knaus, 16,99 €
Jessica July empfiehlt:
Thórarinn Eldjárn: »Die glücklichste Nation unter Sonne«
Thórarinn Eldjárn gilt als der beste Geschichtenerzähler Islands. Beliebt sind vor allem seine skurrilen Geschichten über menschliches Geschick und Missgeschick, die mit einem zum Teil sehr hintersinnigen Humor daher kommen. "Die glücklichste Nation unter Sonne" vereint gleich dreizehn solcher kurzweiligen Erzählungen. Da wird eine halbe Nation lahmgelegt nur aufgrund eines Schildes "Hier werden keine Taschen repariert", oder ein Bankangestellter verliert auf der Suche nach dem einzigartigen Lachen seinen Humor.
Auch nach der Frankfurter Buchmesse lohnt es sich, die isländischen Auoren nicht aus den Augen zu verlieren.
Conte Verlag, 14,90 €
Jörg Robbert empfiehlt:
Volker Braun: »Die hellen Haufen«
Eine Geschichte über einen Arbeiteraufstand, der so nie stattgefunden hat. Die Ereignisse, die ihn auslösten, gab es aber sehr wohl: 1993 wurde die Kali-Grube in Bischofferode geschlossen. Ein Hungerstreik und landesweite Solidarität brachten Politiker auf Trab, einen Aufstand zu verhindern. Braun führt ihn zu Ende. Volker Braun einer der profiliertesten kritischen DDR-Autorten bleibt sich treu: Wieder wählt der Autor das Sujet Arbeitswelt. Arbeit verschwindet. Gewerke, Berufe, Tätigkeiten wandern in ein Museum namens „Früher“. Auch der Arbeitskampf verändert sich. Vom Klassenkampf mal ganz zu schweigen. All das steckt in Volker Brauns neuer Erzählung, die - der Titel sagt es - auch Bezüge herstellt zum Bauernkrieg und Florian Geyers „Schwarzen Haufen“. So eskaliert der Aufmarsch der Arbeiter zum Aufstand: Nicht, weil es so gewesen wäre, sondern weil er denkbar ist“, schreibt Braun. Einfühlsam, ironisch und bitterernst, diese Geschichte musste wohl geschrieben werden.
Suhrkamp, 14,90 €
Judith Schalansky: »Der Hals der Giraffe«
Anpassung ist alles, weiß Inge Lohmark. Schließlich unterrichtet sie seit mehr als dreißig Jahren Biologie. Dass ihre Schule in vier Jahren geschlossen werden soll, ist nicht zu ändern – in der schrumpfenden Kreisstadt im vorpommerschen Hinterland fehlt es an Kindern. Lohmarks Mann, der zu DDR-Zeiten Kühe besamt hat, züchtet nun Strauße, ihre Tochter Claudia ist vor Jahren in die USA gegangen und hat nicht vor, Kinder in die Welt zu setzen. Alle verweigern sich dem Lauf der Natur, den Inge Lohmark tagtäglich im Unterricht beschwört. Als sie Gefühle für eine Schülerin der 9. Klasse entwickelt, die über die übliche Hassliebe für die Jugend hinausgehen, gerät ihr biologistisches Weltbild ins Wanken. Mit immer absonderlicheren Einfällen versucht sie zu retten, was nicht mehr zu retten ist.
Judith Schalansky, die ihr Buch auch selbst gestaltet hat (Leinen) ist meiner Ansicht nach eines der besten, bösesten, witzigsten, abgründigsten, gewagtesten und schönsten Bücher gelungen, den dieser Bücherherbst zu bieten hat.
Suhrkamp, 21,90 €